Michael Beer

Michael Beer (1800-1833) Sammlung T.K.

Bei aller Weltbürgerschaft meiner Gesinnungen und Lieder möchte ich doch um Alles in der Welt nicht, daß der Grundton meiner Seele kein deutscher wäre. Michael Beer in einem Brief an Eduard von Schenk vom 4. Mai 1827.

Diese Seite befindet sich im Aufbau. Alle Zitate erscheinen im Fettdruck und sind belegt.

Am 19. August 1800 wird Michael Beer in Berlin geboren. Er ist der jüngste der vier Beerschen Brüder und wird sich als Schriftsteller einen angesehenen Namen machen. Michael stirbt am 22. März 1833 in München, wo er seine letzte Ruhestätte auf dem Alten Israelitischen Friedhof in Sendling findet. Am Familiengrab auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee erinnert eine Gedenktafel an den früh verstorbenen Michael.

Wie Giacomo, so ist auch Michael in ein dichtes Netzwerk bekannter Persönlichkeiten eingebunden. August von Platen-Hallermünde, Heinrich Heine, Victor Hugo, Jules Janin, Eduard von Schenk, Ludwig I. von Bayern, Alexander von Humboldt, Friedrich Wilhelm von Schadow, Johann Jacob Nöggerath, Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Grillparzer, Wilhelm Hauff, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Adolf Wilhelm Schlegel, um nur die bedeutendsten Namen zu nennen. Nicht zu vergessen sei die Freundschaft mit Karl Leberecht Immermann, Schöpfer des unsterblichen Münchhausen.

Michael besucht das Friedrichwerdersche Gymnasium, dessen Gründung auf das Jahr 1681 zurückgeht. Neben dem Französischen Gymnasium (1689), dem Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster (1674; heutiger Name: Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster) und dem Friedrich-Wilhelms-Gymnasium (1797-1943)) gehört das Friedrichwerdersche Gymnasium zu den traditionellen Schulen Berlins. Michael erfährt eine humanistische und wissenschaftliche Bildung. Griechisch und Latein stehen auf dem Stundenplan, sowie Geschichte, Literatur, Mathematik und Erdkunde. Er spricht Französisch und Italienisch und genießt darüber hinaus das Privileg individueller Erziehung. Diese Aufgabe übernimmt der charismatische jüdische Prediger Eduard Kley (1789 – 1867), einer der frühen Pioniere des Reformjudentums. Das Haus Beer gehört bekanntlich dem liberalen Flügel der Jüdischen Gemeinde an.

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Schon früh entwickelt sich Michaels Neigung und sein Talent zur dramatischen Poesie. Im Hause der Eltern erlebt Michael die ersten darstellenden Künstlerinnen und Künstler des Berliner Theaters und erregt die Aufmerksamkeit des Schauspielers, Intendanten und Dramatikers August Wilhelm Iffland (1759 – 1814) und der Schauspielerin Friederike Auguste Conradine Bethmann (1760 – 1815), die mit ihm den Vortrag einiger Gedichte bei häuslichen Festen einstudiert. Iffland und Bethmann sterben, ohne die Entfaltung dieses jugendlichen Talentes zu erleben. An ihre Stelle tritt das Schauspielerehepaar Amalie (1780 – 1851) und Pius Alexander Wolff (1782 – 1828), die 1815 in Berlin engagiert werden. Die Schauspielerin Auguste Crelinger (1795 – 1765), die u. a. als Iphigenie, Antigone, Maria Stuart und Lady Macbeth auf der Bühne des Königlichen Hoftheaters große Erfolge feiert, fördert bereits ab 1812 den jungen Schriftsteller und Dramatiker.

Klytemnestra

1817 dichtet Michael seine erste Tragödie Klytemnestra, die am 8. Dezember 1819 erstmals auf dem Königlichen Theater in Berlin zur Aufführung gelangt. Der Königliche Kapellmeister Bernhard Anselm Weber komponiert dazu die Schauspielmusik, die als verschollen gilt. Später wird das Schauspiel auch im Königlichen Theater in Wien aufgeführt. Bis heute ist Michaels Drama Klytemnestra in der Versenkung verschwunden und harret der Wiederentdeckung. Michael widmet sein erstes Bühnenwerk seinem Bruder Giacomo.

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Klytemnästra, die ihren Gatten Agamemnon nicht geliebt hat, ist wegen der Opferung ihrer Tochter Iphigenie in ihren Gefühlen als Mutter tödlich getroffen. Während der langen Abwesenheit ihres Gemahls im Trojanischen Krieg fühlt sie sich zu Aegisth leidenschaftlich hingezogen, mit dem sie sich in dem Augenblick vermählen will, als der totgeglaubte Agamemnon heimkehrt. Sie beschließt, den Gatten selbst zu töten. Nach der Heirat mit Aegisth muss Klytemnästra jedoch erkennen, dass der geliebte Mann sie nur zur Ehefrau genommen hat, um selbst zu herrschen. Gedemütigt, beschließt die Königin, auch ihn zu ermorden. Diese Gelegenheit ergibt sich, als in Mykene ein Fremder erscheint, der die Nachricht vom Tode Orests verbreitet; dieser Fremde, den der Zuschauer längst als Orest erkannt hat, ist jedoch in die Stadt gekommen, um Agamemnons, seines Vaters, Tod zu rächen. In Aegisth sieht er den Mörder – die Mutter ist insofern nur schuldig, als sie den Mörder geheiratet hat. Als Klytemnästra den Fremden zur sträflichen Tat an Aegisth überreden will, schildert sie die damalige Mordnacht und somit ihre eigene Tat.

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Orest erschlägt Aegisth meuchlings und dann die eigene Mutter, die ihn, erst jetzt als ihren Sohn erkennend, verflucht. Die Szenenfolge ist ein wohlgeformtes Werk nicht eines Schülers der Alten, sondern eines jungen Literaten, der aus dem antiken Stoff die Forderungen der neuen Zeit entwickelt, der nicht konventionell denkt, sondern allgemein menschliche Empfindungen gestaltet. Es ist die Tragik des Orest, des Sohnes, der den Mörder des Vaters töten will, also die Schuld an den Schuldigen zu strafen bereit ist, um dann zu erfahren, dass er, wenn er gerecht sein will, seine eigene Mutter töten muss.

Sammlung T.K. Meyerbeer vertonte einige Gedichte seines Bruders Michael. Titellithographie von Menschenfeindlich (frz. Ausgabe Seul)

Michael schreibt sich in die neu gegründete Universität zu Berlin ein – die heutige Humboldt-Universität -, studiert Geschichte und Philosophie und belegt wissenschaftliche Fächer. Einen starken Eindruck hinterlassen bei ihm die Vorlesungen Georg Wilhelm Friedrich Hegels, mit dem er auch, wie sein Bruder Heinrich, einen privaten Umgang pflegt. Später bedauert er, juristische Kollegien, namentlich den großen Friedrich Carl von Savigny, nicht gehört zu haben.

Die Bräute von Aragonien

Bereits als 17jähriger reist Michael nach Italien, besucht alle größeren Städte und studiert die Denkmäler der Kunst und Geschichte. In Italien entsteht sein neues Trauerspiel in fünf Aufzügen Die Bräute von Aragonien, das in Neapel vollendet wird, inspiriert von Goethe’s Die Braut von Corinth, ein Werk des Dichterfürsten, das die erotische Freizügigkeit während seines Aufenthaltes in Rom widerspiegelt. Der so genannten guten Gesellschaft ist die Ballade selbstverständlich bekannt, wird aber ob des Inhalts verpönt. In Berlin erblicken die Bräute von Aragonien nicht das Licht der Bühne, nur in München und andernorts sind wenige Aufführungen dokumentiert. Zusammen mit Klytemnestra erscheinen die Bräute von Aragonien 1823 bei Brockhaus in Leipzig.

Der Tragödie liegt der Gedanke des Menschenhandels zugrunde; denn nichts anderes ist es, eigenes Wohlbefinden mit dem Opfer eines anderen Menschen zu erkaufen. Das Schauspiel ist eine sogenannte Tendenztragödie gegen erzwungenen Glauben, gegen erzwungene Klostergelübde, gegen den Frevel, mit der Opferung anderer das eigene Wohl erreichen zu wollen, nicht gegen den Glauben selbst. Es ist vordergründig ein Intrigenstück, das seine Entwicklung mit dem bewusst unterschobenen falschen Bildnis nimmt.

Eine Soirée im Hause Mendelssohn Bartholdy

Es ist Sonntag, der 6. April 1823, und wir befinden uns in der Leipziger Straße, in etwa dort, wo heute der Bundesrat seinen Sitz hat. Abraham Mendelssohn Bartholdy, ein Sohn Moses Mendelssohns, wohnt dort mit seiner Frau Lea und den Kindern Fanny, Felix, Rebecca und Paul. In Lea Mendelssohn Bartholdys Salon wird viel musiziert. Felix und Fanny sind die Stars der Familie. Neben dem Salon Amalie Beers ist Leas Salon der bedeutendste in Berlin. Es entspricht dem allgemeinen Usus, dass nicht nur Musik erklingt, sondern auch die Rezitation von Gedichten und ganzer Dramen, die mitunter gemeinsam gelesen und dabei genussvoll zelebriert wurden. Leseabende! Liest die Autorin oder der Autor in Persona, sitzt er oder sie in einem Fauteuil und hat die Zuhörer dabei fest im Blick. Das Leben ist ein Drama! Mimik, Gestik, Tonfall, Artikulation geben sich ein Stelldichein. Johann Gottlieb Klopstock ist schon zu Lebzeiten eine Legende in der Darbietung eigener Werke, Ludwig Tieck ist ein ebenso begnadeter Vorleser, aber ganz oben steht natürlich Alexander von Humboldt, ein sehr guter Freund der Familien Mendelssohn und Beer. Er ist in allen Salons gefragt, manchmal hat er bis zu drei Termine an einem Tag. Ungeduldig wird er erwartet und freudig begrüßt. Ein Sessel steht für ihn bereit, er macht es sich bequem, alle scharren sich um ihn herum und lauschen gebannt seinen Ausführungen. Humboldt erzählt von Sternen oder von seinen Erlebnissen in Südamerika, und niemand kann sich an ihm satt hören. Dann erhebt er sich, verabschiedet sich, was natürlich von allen Anwesenden bedauert wird und geht ein paar Hausnummern weiter.

Heute sitzt also Michael auf dem bequemen Möbel, lässt seine Blicke schweifen und beginnt unter Einsatz aller Kräfte mit der Rezitation der Bräute von Aragonien. Lea Mendelssohn Bartholdy lässt in einem Brief vom April 1823 an Amalie Beer den Abend Revue passieren. Die Mütter sind stolz auf ihre Kinder.

Wir haben dem ausgezeichneten Talent ihres jüngsten Sohnes einen so interessanten Abend zu verdanken, beste Madame Beer! daß es mir wahres Bedürfniß ist, Ihnen meine Empfindung darüber auszusprechen. Wir Mütter kennen u. haben ja keinen ächtern Genuß, als den, uns in höhern Geistesgaben geliebter Kinder stolz u. froh zu fühlen. Doppelt gönnte die freigebige Natur das Glück Ihnen, u. wer verdiente es wohl mehr? – Michaels Stück übertraf meine Erwartung ungemein; es ist ergreifend, wahrhaft tragisch, die Charaktere sind schön u. gehalten, die Sprache edel u. dichterisch, selbst eine der Jugend verzeihliche Breite ist weise vermieden, u. da es beim Lesen schon eine so rührende Wirkung hervorbringt, wie viel muß es noch bei der Darstellung gewinnen! Bloß über die Geistererscheinung waren wir mit ihm nicht einverstanden, so wie wir auch gewünscht hätten, daß er vor der Ueberlieferung zum Druck leise Spuren von Nachlässigkeit verbessert hätte, die mit einem Federzug zu verwischen waren, u. an die ein kritisirendes, unbarmherziges Recensentenvolk sich doch mit Scheingründen hängt. Um mich über das aufzuklären, was das vortreffliche Vorlesen vielleicht Bestechendes über das Urtheil üben könnte, las ich das Stück am folgenden Morgen einsam u. ernsthaft durch, u. fand mich nicht weniger angezogen. Hätte der junge Dichter das Geisterwesen verschmäht, so würde das Werk rein dastehen mit den klassischsten seiner Art; der Inhalt ist interessant genug, jede äußere Zuthat à la Grillparzer entbehrlich zu machen; u. da wir Deutsche jetzt des Vorzugs genießen, ins Französische übertragen zu werden, so hätte er den Vorwurf vermieden, in unsrer Tragödie stets an das Melodramatische zu streifen. Ich weiß übrigens nicht, liebste Frau Beer! ob es Tadel oder Lob heißt, wenn Michael mich versichert, keine Thränen seien ihm schmeichelhafter als die meinigen gewesen: (Sie ersehen daraus, daß er, obgleich selbst Vorleser, doch Autor genug war, nach dem Effekt den er auf die Zuhörer hervorbrachte, prüfend umherzuschauen;) aber versichern kann ich, daß ich mich, trotz Runzeln und Falten, eines lebhaften, leicht angeregten, offenen Sinnes für Erzeugnisse des Geistes erfreue, u. daß ich ein heitres Wohlwollen frei u. unpartheiisch zu jedem Kunstwerk mitbringe.

Der Paria

Michaels bedeutendstes und hochgelobtes Trauerspiel in einem Aufzuge Der Paria erlebt seine Uraufführung am 22. Dezember 1823 auf dem Königlichen Theater zu Berlin. Der Paria ist der Kampf eines humanitär gesinnten Menschen, der sozial und rechtlich am Rande der Gesellschaft steht und staatlich diskriminiert wird.

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Der Paria Gadhi, der als Unreiner im indischen Kastenwesen verachtet wird, hat die zum Tode verurteilte Maja, Tochter eines reichen Rajah, gerettet, zur Frau genommen und lebt glücklich mit ihr. Benascar, ein verwundeter Krieger, findet Zuflucht in ihrer Hütte, wird von Maja verbunden und somit vorm Tode gerettet. Zum Dank will der die Retterin als Sklavin nehmen, muss aber erfahren, dass sie seine eigene Schwester ist, die seine Ehre mit ihrer Flucht und in der Verbindung zu einem Paria beschmutzt hat. Den Paria will er hinrichten lassen, Maja und ihr Kind will er jedoch retten. Um von ihrem geliebten Gadhi nicht getrennt zu werden, teilt Maja mit ihm den giftigen Saft einer Frucht, so dass die rachesüchtigen Priester, als sie am Ort des Geschehens erscheinen, zwei Tote vorfinden.

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Michael zeigt sich nach der erfolgreichen Uraufführung sichtlich erfreut und schreibt Ende Dezember 1823 an Giacomo. In der Familie Beer wurden die Anfeindungen, die die Juden seitens der Nichtjuden zu ertragen hatten, antennenhaft wahrgenommen und in etlichen Briefwechseln thematisiert. Besonders in Zeugnissen Michaels und Giacomos, die sich emotional sehr nahe standen, wird dem Risches (=Judenhass) eindringlich Ausdruck verliehen, worüber weiter unten mehr zu erfahren sein wird.

Mein theurer Bruder! Ehe ich zur Beantwortung Deines lieben Briefes und überhaupt zu einer recht langen schriftlichen Unterhaltung mit Dir schreite mußt Du mir erlauben Dir mit diesen wenigen Zeilen anzeigen zu dürfen, daß mein „Paria“ den 22ten dieses gegeben und mit einem Beifall aufgenommen worden ist der alle meine Erwartungen und meine kühnsten Hoffnungen überstiegen hat. Erspare mir die Details, die Dir Mutter und die Brüder wohl schon geschrieben haben werden, und lasse mich weiter nichts hinzufügen als daß seit Jahren kein Trauerspiel, auf irgend einer deutschen Bühne, erschienen … ist, dessen Erfolg bei der ersten Darstellung so entschieden gewesen wäre. Auf alle Klassen und auf alle Stände hat es den gleichen Eindruck hervorgebracht und der Beifall ist so allgemein, daß in den Urtheilen darüber im Publikum sich bis jetzt auch nicht eine Stimme dawider erhoben hat. Ich würde nicht die Unbescheidenheit haben Dir dies selbst mitzutheilen, wenn ich nicht glaubte daß es gerade an mir ist, dem empfindlichsten und schärfsten Beobachter, denn das ist wohl jeder Autor bei der Aufnahme seines Produkts, Dir zu sagen daß bei dieser Gelegenheit, die sonstige oft besprochene Malice unserer Mitbürger, der Neid, der Risches, sich nicht einen Augenblick gezeigt haben. Das Publikum hat mit einer seltenen Intelligenz, die mich aufs höchste in Erstaunen gesetzt hat, nicht nur von Anfang an die Tendenz des Stückes begriffen, sondern auch durch den lautesten Beifall gebilligt. Die Rührung, die Stille, das rauschendste Applaudissements bei dem Hervorrufen der Schauspieler, deren Meister-Spiel freilich nicht wenig zu diesem ungewöhnlichen Erfolge beigetragen hat, waren mir die sichern Bürgen eines Enthusiasmus den ich, das wirst Du leicht begreiflich finden, auch nicht auf die entfernteste Weise in Berlin zu erringen hoffte.

In der Allgemeinen Deutschen Biographie (Band 2, 1897) findet sich zu dem Trauerspiel der folgende Eintrag:

Der Paria, welcher sich auch Goethe’s warme Theilnahme errang, ist ausgezeichnet durch die ergreifende Darstellung des Kampfes, welchen eine edle Natur gegen drückende und erniedrigende Satzungen und Verhältnisse der bestehenden Sitte und Staatsidee kämpft; es ist der Schmerzensschrei über die Pariastellung des Judenthums.

Michael Beers erster und bisher einziger Biograph Eduard von Schenk, der 1835 auf Veranlassung der Familie sämtliche Werke des Dichters herausgab, bezieht sich in den einleitenden Worten zu dieser Gesamtausgabe auch auf den Paria, wobei das eigentlich Wesentliche zwischen den Zeilen zu lesen ist, wenn sich Schenk auf die nicht näher ausgeführte Nebenabsicht des Paria bezieht: die Sensibilisierung für die Paria-Stellung, Diskriminierung und Stigmatisierung der jüdischen Minderheit.

Sprache und Charakterzeichnung verrathen schon die geübte Hand des werdenden Meisters und wenn die Entstehung dieses Werkes vielleicht noch eine Nebenabsicht zum Grunde lag, so ist dieselbe doch nur durch die Sache selbst angedeutet und tritt nirgends in subjectiver Rhetorik hervor.

Michael Beer war von nicht großem, etwas gedrungenem, kräftigem Körperbau, seine Gesichtsbildung sprechend und edel, große Züge, gesunde Farbe, eine starke, gebogene Nase, ein großer Mund mit feinen Lippen und voll schöner Zähne, höchst lebendige, geistvolle, ja feurige dunkelbraune Augen, deren Feuer jedoch der freundlichste Ausdruck milderte. Sein Haar war schwarz, begann jedoch schon dünner zu werden. Sein Bildnis, welches Hanfstengel in München nach dem Leben lithographirt hat, ist vollkommen ähnlich. Seine Bewegungen waren nicht gerade anmuthsvoll, aber höchst anständig, gewandt und lebendig; man sah in ihm den Mann, der von Jugend auf in der besten Gesellschaft und viele Jahre hindurch in einer Weltstadt gelebt hatte, die sich mit Recht des feinsten geselligen Tons in Europa rühmen kann. Sein Organ war kräftig und jeder Modulation fähig, daher zum Vortrage dramatischer Werke sehr geeignet, wie er denn auch solche oft und gern vorlas.

Eduard von Schenk, ein studierter Jurist und Dichter, lernt Michael Beer 1826 in München kennen. Beide schließen eine innige Freundschaft, die von tiefer Zuneigung geprägt ist – mehr als nur eine Seelenverwandtschaft. Zwei Jahre nach dem frühen Ableben Michael Beers im Jahr 1835 gab Schenk auf Veranlassung der Familie sämtliche Werke seines Freundes bei Brockhaus in Leipzig heraus. Im ersten Kapitel des Buches zeichnet Schenk ein biographisches Charakterbild seines Freundes, woraus das obige Zitat entnommen ist, die Stationen seines Lebens und eine Einführung in dessen dramatisches Werk. Eduard von Schenk war es auch, der 1837, ebenfalls bei Brockhaus, Michael Beers Briefwechsel publizierte, die zum größten Teil die Korrespondenz mit dem Lyriker, Schriftsteller und Dramatiker Karl Leberecht Immermann (1796-1840) umfasst. Beer und Immermann kennen sich aus Düsseldorf. Immermann widmet Beer 1832 sein heiterstes Werk, das komische Heldenepos in drei Gesängen Tulifäntchen. Zum gemeinsamen Freundeskreis zählten Christian Dietrich Grabbe, Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Friedrich Wilhelm von Schadow und Heinrich Freiligrath. Immermanns bekanntestes Buch ist der unsterbliche Münchhausen, eine Geschichte in Arabesken. Ansonsten sind seine Romane, Erzählungen und Schauspiele in der Versenkung verschwunden.

Sammlung T.K.
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Eduard Schenk wurde 1788 in Düsseldorf geboren. Schenk studierte Rechtswissenschaft in Landshut und promovierte als Doktor der Rechte und hatte u.a. Kontakte zu Friedrich Karl von Savigny. 1818 wurde er als Beamter in das bayerische Justizministerium übernommen und stieg bis zum Reichsrat auf. 1827 wurde er von Ludwig I. von Bayern in den Adelsstand erhoben und durfte sich Ritter von Schenk nennen. Schenk schrieb Gedichte, historische Schauspiele u.a. Henriette von England, Adolph von Nassau; das Trauerspiel Belisar und die Lustspiele, Die Griechen von Nürnberg und Albrecht Dürer in Venedig, das von Michael Beer befördert wurde. Eduard von Schenk und Michael Beer pflegen einen freundschaftlichen Verkehr mit Ludwig I. von Bayern. Der bayerische König ermöglicht die Uraufführung von Michael Beers Trauerspiel Struensee 1828 in München. Erst 1846 gelangt es zur Erstaufführung in Berlin, zu der Meyerbeer die Schauspielmusik komponiert. Darüber wird später mehr zu erfahren sein. In Schenks Haus verkehrten Heinrich Heine, Ludwig Tieck und Friedrich Rückert, mit Franz Grillparzer und Wilhelm Hauff steht er im schriftlichen Kontakt. Unerwartet verstirbt Eduard von Schenk, der 1827 geadelt wurde, im April 1842 in München.

Denkmal für Michael Beer in München auf dem Alten Israelitischen Friedhof), Entwurf: Leo von Klenze. Sammlung T.K.

Wird weiter ergänzt!

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